Hans-Flesch-Gesellschaft

Forum für akustische Kunst

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“Flesch hört sich selbst”

“Kein Brief gestern, keiner heute” von Matthias Baxmann nach Texten von Franz Kafka, Regie: Barbara Plensat
Am 28.11.12, 19.30 Uhr, Taucher Studio, Stockholmer Str. 4, 13359 Berlin, für Mitglieder der Hans-Flesch-Gesellschaft————————————

Nicht mal ein Dutzend reale Begegnungen fanden zwischen beiden statt, dem Prager Franz Kafka und der Berlinerin Felice Bauer.  Briefe wurden geschrieben, schon hunderte zwischen ihrer ersten Begegnung in Prag und dem Wiedersehen in Berlin nach sechs Monaten.
Er bittet, er bettelt, dass sie schreibt, ein wahnwitziges Werben und Sich entziehen beginnt, er fragt und fragt und verlangt Auskunft über jede Sekunde ihres Tages. Dann treffen sie sich und seine Projektionen geraten in Gefahr. Felice ist ein praktischer Mensch, heiter und gesellig. Er besteht auf seiner Abgeschiedenheit, „nicht wie ein Einsiedler, sondern wie ein Toter“. Und bekennt, Angst davor zu haben, glücklich zu werden „in der Verbindung mit dem geliebtesten Menschen“. „Stoße mich fort“, bittet er sie und lehnt das „Menschenopfer“ ab, das sie dennoch zu bringen bereit ist.
Liebe als Projektion, lebbar nur in der Distanz. Auf der Schwelle zu ihrer Erfüllung schlägt sie in heillose Furcht um. Sie sehen sich noch einmal in Marienbad, wieder gibt es Streit, dann ist die Trennung endgültig.
Kafka bewahrte keinen Brief von ihrer Hand.
Das Hörspiel montiert ausschließlich Originaltexte Franz Kafkas: Passagen aus den Romanen “Der Prozeß” und “Das Schloß”, aus  Erzählungen, Tagebüchern, Briefen an Felice Bauer und an seinen Vater.
Aus der Begründung der Jury zur Wahl „Hörspiel des Jahres“ 2003:
“Barbara Plensat überzeugt mit einer feinnervigen und präzisen Regie. Peter Kaizars dezente, effektvoll akzentuierende Komposition bildet eine kongeniale Klangumgebung. Besonders hervorzuheben sind die Leistungen der Sprecher. Markus Meyer (Kafka), Jürgen Holtz (Mann) und Regina Lemnitz (Frau) gestalten sensibel und in jeder Situation glaubhaft. Sie haben massgeblichen Anteil daran, dass aus dem Hörspiel ein nachhaltiges Hör- und Denkerlebnis wird.”

Das anschließende Gespräch über das Stück wollen wir, wie auch die bei weiteren “Flesch hört sich sebst” aufzeichnen – wenn die Zuhörer einverstanden sind. Hörspiel und Gespräch können am folgenden Tag über den internen Bereich dieser Seite für Mitglieder nachgehört werden

Ein Kommentar zu ““Flesch hört sich selbst”

  • Anna Pein sagt:

    Ein intensives Hörspiel, dann ein einläßliches Gespräch (welches wir hier demnächst im geschützten Bereich hören können! ) Dabei fiel mir folgender Text von Kafka ein:

    Die leichte Möglichkeit des Briefeschreibens muß – bloß theoretisch angesehn – eine schreckliche Zerrüttung der Seelen in die Welt gebracht haben. Es ist ja ein Verkehr mit Gespenstern und zwar nicht nur mit dem Gespenst des Adressaten, sondern auch mit dem eigenen Gespenst, das sich einem unter der Hand in dem Brief, den man schreibt, entwickelt oder gar in einer Folge von Briefen, wo ein Brief den andern erhärtet und sich auf ihn als Zeugen berufen kann. Wie kam man nur auf den Gedanken, daß Menschen durch Briefe mit einander verkehren können! Man kann an einen fernen Menschen denken und man kann einen nahen Menschen fassen, alles andere geht über Menschenkraft. Briefe schreiben aber heißt, sich vor den Gespenstern entblößen, worauf sie gierig warten. Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken. Durch diese reichliche Nahrung vermehren sie sich ja so unerhört. Die Menschheit fühlt das und kämpft dagegen, sie hat, um möglichst das Gespenstische zwischen den Menschen auszuschalten, und den natürlichen Verkehr, den Frieden der Seelen zu erreichen, die Eisenbahn, das Auto, den Aeroplan erfunden, aber es hilft nichts mehr, es sind offenbar Erfindungen, die schon im Absturz gemacht werden, die Gegenseite ist soviel ruhiger und stärker, sie hat nach der Post den Telegraphen erfunden, das Telephon, die Funkentelegraphie. Die Geister werden nicht verhungern, aber wir werden zugrundegehn.
    Franz Kafka , Brief an Milena Jesenská, Ende März 1922

    … und setdem die Geister das Internet und die SMS erfunden haben, sind sie die Könige der Welt. ;-)

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