Hans-Flesch-Gesellschaft

Forum für akustische Kunst

Denken, Lesen, Schreiben

Expanded Writing – II – Das zentrale Bild

Intro

„Das <SCHREIBENWOLLEN> = (…) wenig erforscht (….), schlecht definiert, schwer einzuordnen. Dafür spricht der Umstand, dass es für diese <Lust> kein Wort in der Sprache gibt, oder vielmehr, köstliche Ausnahme, es gibt eines, aber nur im verfallenden Spätlatein: scripturire, ein einziges Mal belegt bei Sidonius Apollinaris, Bischof von Clermont-Ferrand (5.Jahrhundert).

Roland Barthes

Fußnote:

„Das Verb scripturire erscheint in einem 477 in Clermont verfassten Brief an <seinen lieben Constantius>, in dem er seinen Freund zur Veröffentlichung seiner Briefe um Rat bat. Sein Geist habe, einmal angeregt, unaufhörlich Lust zu schreiben………………………“

Nathalie Léger

Eins

Grundlagen der transmedialen Stoffentwicklung

Anstoß

Schreiben ist für mich primärer Ausdruck der Individuation, primärer Ausdruck der Existenz.

Ich Schreibe Also Bin Ich.

Schreiben ist wie Atmen; ein Autor schreibt immer……jeden Tag.

Der Schreiber kehrt unablässig – dem Verbrecher ähnlich – zu den gleichen Topoi,

auf die gleichen Semantischen Felder zurück, sein ganzes Schreib-Leben lang.

Der Stoff schreibt den Autor.

Hin und wieder gelingt es, sich frei zu schreiben.

 

Holistische Dramaturgie

Es geht nicht darum, den zahlreichen Drehbuch-Manualen ein weiteres hinzuzufügen.

Es geht darum, eine ganzheitliche, eine holistische Theorie-Bildung in Angriff zu nehmen.

Es geht um eine Medien-übergreifende, Format-übergreifende Poetik.

Es geht um das ganze Schreiben –

Creative Writing, Life Writing, Screen Writing, Self Writing, Web Writing, Game Writing;

Szenisches Schreiben für Film, Fernsehen, Radio, die Bühne, The Future Media;

Notizen, Tagebücher, Schreiben Für Das Ich/ ReWriting The Self, Lyrik, Prosa, Essay, Arbeitsjournal.

 

Zwei

Von der Erzählung des Abenteuers zum Abenteuer der Erzählung

Kreative Erzählforschung könnte sich die Aufgabe stellen, die ästhetischen Fragen

der Digitalen Revolution zu beantworten.

Das Schreiben und das Schreibenwollen wären konsequent zu erforschen –

in der Dialektik von Schreib-Werkzeug, Stoff und Schreib-Weise; in der Dialektik

von Schreib-Lust und Schreib-Auftrag, bis zurück zu Sidonius Apollinaris.

„Liegt das Wesentliche im Film nicht eher im Beiläufigen, im Sinne einer Geste

stärker als im Sinne eines Wortes?“

(Karsten Witte 1986 / 1. Berliner Drehbuchwerkstatt)

Wie schreibt man eine Geste?

Liegt das Wesentliche im Film nicht eher im Bild, im Sichtbaren stärker als im Gesprochenen?

 

You Gotta Move

Geht es um Fragmente einer Sprache der Kamera?

Einer Sprache der Geste, einer Sprache des Physischen Kinos?

„Die schwierige Aufgabe des Drehbuch-Schreibens besteht darin, viel mit wenig

zu sagen und dann die Hälfte dieses Wenigen herauszunehmen und trotzdem die Wirkung gelassener und natürlicher Bewegung zu erhalten.“

(Raymond Chandler 1945, Schriftsteller in Hollywood)

Es geht nicht mehr länger nur darum, die Kamera und den Zuschauer zu bewegen –

es geht darum, den Autor zu bewegen.

Nur der bewegte Autor, nur der bewegliche Schreiber ist in der Lage, die Kamera,

den Schauspieler, die Story und den Zuschauer zu bewegen.

Es geht um das Physische Schreiben.

You Gotta Move.

Walter Benjamin:

„Die Tragödie entsteht mit den Griechen, um mit ihnen zu verlöschen und nach Jahrhunderten nur ihren <Regeln> nach wieder aufzuleben.“

 

Drei

IM ANFANG WAR DAS BILD/

Anläufe zu einer Neuen Poetik der Visuellen Stoffentwicklung/

Fragmentarisches Treatment für einen mehr-medialen Essay/ Ein mehr-mediales Buch

Das Zentrale Bild/ Nach 4o Jahren Schreib-Arbeit zwischen den Bildern glaube ich, sagen zu können: Wenn man einen Film schreiben will, dann ist es hilfreich, über das Erste Bild nachzudenken. Danach hilft es weiter, über das Zentrale Bild nachzudenken. Anschließend ist es nicht verkehrt, über das Letzte Bild nachzudenken. Mit dem Fotoapparat. Mit der Videokamera. Mit der Telefonkamera. Im Augen-Blick des morgendlichen Aufwachens hat der Erzähler entweder Wörter im Mund oder Bilder vor Augen. Deshalb lautet die erste Übung: Wir schreiben auf, was wir heute morgen auf der Zunge hatten. Wir fotografieren, wir videografieren was wir vor Augen hatten physisch-real im Augen-Blick des Augen-Öffnens. Spätestens am Nachmittag gehen wir raus ins Offene, ins Narrative Gelände. Auf der Suche nach dem Zentralen Bild. Auf der Suche nach dem Letzten Bild. Auf der Suche nach dem Ersten Bild. Drehbuch-Schreiben ist Schreiben unter dem Diktat des Bildes. Die Bilder Schreiben Den Kameramann – das ist das Obsessive Schreiben, das kein Ende findet.

 

Arbeits-Zitate:

<There are things that cinema can do that are very difficult to talk about.> David Lynch

<Es ist nämlich schon die halbe Kunst des Erzählens, eine Geschichte, in dem man sie widergibt, von Erklärungen frei zu halten.> Walter Benjamin

 

Vier

Es gibt Roman-Autoren, die sich den Kopf zerbrochen haben über den emotionalen Anteil der Schreib-Arbeit.

Julio Cortazar schreibt in seinem Roman <Rayuela>:

´Warum schreibe ich das? Ich habe keine klaren Gedanken, ich habe nicht einmal Gedanken. Was da ist, sind Fetzen, Impulse, Blöcke, und alles sucht eine Form, dann kommt der Rhythmus ins Spiel, und ich schreibe in diesem Rhythmus, ich schreibe durch ihn, angetrieben von ihm, und nicht von dem, was man Denken nennt und was die Prosa ausmacht, die literarische und die andere.

Zuerst ist da eine konfuse Situation, die sich nur durch das Wort definieren läßt;

von diesem Halbdunkel gehe ich aus, und wenn das, was ich sagen (was sich sagen) will, genügend Kraft besitzt, setzt sofort der swing ein, eine rhythmische Schwingung,

die mich an die Oberfläche zieht und alles beleuchtet, die die ungeordnete Materie und den, der sie erleidet, in einer klaren und unausweichlichen dritten Instanz vereinigt: dem Satz, dem Abschnitt, der Seite, dem Kapitel, dem Buch.`

Ich habe noch mehr emotionale Prosa über das emotionale Schreiben gefunden bei Cortazar –

und natürlich kann man sich in diesem Kontext auch daran zurück-erinnern, daß der Drehbuch-Autor in der Anfangszeit des Kinos die Berufs-Bezeichnung<Film-Dichter> getragen hat.

Hier eine Aneinanderreihung von Cortazar-Wörtern, Satz-Fetzen über die Stadt Paris, die mich an die Hongkong-Bilder erinnern, die Wong Kar Wai in Bangkok gedreht hat,

>In The Mood For Love<:

„Wir müssen denken, was man so denken nennt, das heißt fühlen, Stellung beziehen

und uns auseinandersetzen, bevor wir dem kleinsten Haupt- oder Nebensatz den Weg freigeben. Paris ist ein Zentrum, verstehst du, ein Mandala, eine Meditations-Hilfe,

das man ohne Dialektik durchlaufen muß, ein Labyrinth, in welchem die pragmatischen Formeln nur dazu dienen, sich zu verirren.

Also ein cogito, das wie ein Atmen wäre, man betritt Paris und läßt es in sich ein.

 

Pneuma und nicht Logos. (…)

Und da trat sie aus der Buchhandlung (…),

und wir wechselten zwei Worte (…), und ich glaube, wir fingen an,

uns zu begehren, und es entspann sich ein denkwürdiger Dialog,

bis obenhin zugedeckt von Mißverständnissen, von Unstimmigkeiten,

die sich in vagen Schweigeminuten auflösten, bis die Hände anfingen zu modellieren,

es war schön sich die Hände zu streicheln und sich dabei anzusehen und zu lächeln,

wir brannten einer die Gauloise an der Kippe des andern an,

wir waren in allem so sehr einer Meinung, daß es eine Schande war,

Paris tanzte draußen und wartete auf uns, wir waren ja kaum angekommen,

(…) und man weiß der eine heißt Tony und die andere Lulú,

und das genügt, daß einem das Herz wie eine Erdbeere ist und…Horacio, Horacio.“

 

Fünf

Cortazar hat Recht –

es gibt mehr Dinge zwischen Wort und Bild,

als die herkömmliche Dramaturgen-Weisheit es sich träumen läßt.

Um ein paar praktische Lehr-Sätze daraus abzuleiten:

Es käme darauf an, eine Schreib-Weise zu finden, die nicht immer nur mit der Logik des Kopf-Denkens Strukturen, structure, plot produziert -

sondern mit der tänzerischen Logik des Gefühls, mit dem Bauch-Denken das Chaos im Körper des Schreibenden produktiv macht.

Mit einem Denken, das wie ein Atmen wäre, würden wir das Paris unserer Schreibstube betreten und uns treiben lassen, vom Rhythmus, vom Swing, Le Beat Goes On!

Pneuma – und nicht Logos.

Pneuma – griechisch <Hauch, Wind, Atem>.

Hebräisch <ruach> – sowohl die bewegte Luft als auch der Geist Gottes.

<Nichts ist schöner als Paris, wenn nicht die Erinnerung an Paris.

Und nichts ist schöner als Peking, wenn nicht die Erinnerung an Peking.

Und ich, in Paris, erinnere mich an Peking und zähle meine Schätze> -

mit diesem Satz beginnt der Film ´Dimanche A Pékin` von Chris Marker.

Er soll hier als Überleitung stehen zu den Sätzen aus dem Roman <Intersection>

von Liu Yichang, mit dem der Film <In The Mood For Love> beginnt:

´Sie standen sich verlegen gegenüber.

Sie hielt ihren Kopf gesenkt, gab ihm aber Gelegenheit, näher zu kommen.

Er wagte es nicht. Sie drehte sich um und ging.`

 

Sechs

Das Zentrale Bild/ ReVisited

Diese Treppe zum Noodle-Shop wird zum dramaturgischen Kreuzungs-Punkt, zur ´Intersection` aus der literarischen Vorlage.

Immer wieder treffen die beiden Protagonisten sich hier <ganz zufällig>.

„Es geht um die Arbeit am Zufall im Kosmos der Affinitäten“.

(Heiner Goebbels)

 

Resonanzen 1

„In diesem Aufsatz über Mehrfachstimmen und Mehrfachbilder

soll der Fokus auf die Erweiterung der filmischen Szene

durch die subjektive Realität oder

die kollektiven Realitäten

gelegt werden,

also die Simultaneität einer Gedankenstimme

oder mehrerer Hauptstimmen –

denkbar als ein Achsenkreuz,

dessen Achsen zum einen ins Bewußtsein des Individuums,

zum anderen in die Intersubjektivität paralleler Existenzen führen.

(…)

Wann artikulieren sich Gedanken als im Bewußtsein

>hörbare<

innere Stimme,

die ganze oder fragmentarische Sätze

im Selbstgespräch formuliert?

Und wann handelt es sich vielmehr um die Vernetzung

von Intuition, Perzeption und Imagination auf vordringlich visueller Basis:

emotional eingefärbte Bilder der Wahrnehmung und Erinnerung,

die sich übereinander schichten und zu einem

Schlüssel- und Lösungsbild konvergieren?“

(Roman Mauer)

 

Sieben

Gefundene Räume – Gebaute Räume „Man sollte wissen, wo die Erzählung wohnt, man sollte sozial genau sein, jede Geschichte hat ihren eigenen Ort“ (Wolfgang Kohlhaase). Man kann diesen Ort finden, ohne ihn gesucht zu haben – das ist das Programm der Visual Serendipity. Man kann den Raum der Erzählung suchen – das ist das Programm der Visuellen Motivsuche. Unter dem Primat des Original-Motivs. Dazu kann man lesen, was Autoren wie Norbert Grob und Wim Wenders geschrieben haben.

 

Wilder Gedankensprung Acht

Dok – Fiktion – Hybrid / <Das Neue Vademecum Des Elektronischen Erzählens>

Geht es vielleicht auch darum, die künstliche Trennung aufzuheben zwischen Spiel und Dok, zwischen Fiction und NonFiction? Jean-Michel Frodon, Chefredakteur der <Cahiers du cinéma>: „André Bazin, Jean-Luc Godard, Jean-Louis Comolli, Serge Daney, um nur diese großen Namen zu nennen, haben immer auf der dokumentarischen Natur jeder Fiktion und dem fiktionalen Gehalt jedes Dokumentarfilms beharrt. Dokumentarfilm und Fiktion sind die beiden Pole, die das gesamte kinematografische Feld magnetisch zusammenhalten. Diese Feststellung wurde vor allem in letzter Zeit bedeutsam, in Zusammenhang mit den unzähligen Fragestellungen, die sich aus den <Zwischenkategorien> wie dem Essayfilm, dem gefilmten Tagebuch, dem Recherchefilm ergeben. Die neuen digitalen Techniken haben das Problem noch erweitert. – Doch das ist gut so!“

 

Elf

Innovative Drehbuch-Ausbildung, Digital Vernetzte Stoffentwicklung für den Vierten Bildschirm, für das Smartphone, für den Mobile Media Player, für das Imaging, das ImageWriting, das SoundWriting, das WebWriting des 21. Jahrhunderts erobert sich alle zur Verfügung stehenden Schnitt-Stellen für das <Neue Vademecum>: Mehrere Terabyte Lektion, Glossar, Lexikon, ReShoot-Thesaurus Des Elektronischen Erzählens Auf Dem „Hand-Held Device“ Des Entfesselten Zugriffs.

 

Dreizehn

Das Visuelle Notizbuch – Das Piktoriale Arbeitsjournal

Kein Text ohne Anmerkung, kein Schreiben ohne den Parallel-Prozess des Nachdenkens über das Schreiben und das soeben / am gestrigen Tag / in der Vorwoche Geschriebene: Tagebücher, Nachtbücher, Notizbücher, Pillow Books, Sudelbücher oder: <Die Visuelle Chronik der fortlaufenden Gedanken – das Piktoriale Arbeitsjournal als Parallel-Text>. Von Shei Shonagon über Samuel Pepys zu Georg Christoph Lichtenberg, von ihren Federn zur Schreibmaschine, vom Spulentonband über das analoge Diktier-Gerät zur Notizbuch-Funktion der Digitalen Schreib-Software und zum HandyCorder….und wohin weiter? Mein Smartphone ist mein Akustisches Notizbuch, mein Foto-Album, mein Video-Album. Ich schreibe damit Tagebücher, ich schreibe damit Nachtbücher.

 

Resonanzen 2

„Parallel zur Erfindung des Kinematografen war

(…)

das Spurenlesen im Gesicht die Methode,

mit der Sigmund Freud den Psychoanalytiker in die Position eines Detektivs der Seele erhob.

Mit dem Wissen um die Verschlüsselungsmethoden des Unbewussten

enträtselte dieser die Psyche am Ort des Körpers:

>Wessen Lippen schweigen, der schwätzt mit den Fingerspitzen;

aus allen Poren dringt ihm der Verrat.<“

(Roman Mauer)

 

Dieser Text erschien erstmalig – in leicht veränderter Fassung – im Newsletter des Verbands für Film- und Fernsehdramaturgie (VeDra) Nr. 26, Juni 2013.

Zum Artikel “Expanded Writing – I

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