Hans-Flesch-Gesellschaft

Forum für akustische Kunst

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Expanded Writing – I – Caméra-Stylo: Die Kamera als Federhalter

Wir durchleben eine Zeit epochaler Veränderungs-Prozesse. Marshall McLuhan war der erste, der uns darauf aufmerksam gemacht hat, dass wir die Gutenberg-Galaxie verlassen. Das war damals, als wir noch mit weißem Fettstift Synchron-Kreuze gemalt haben auf den physisch anfassbaren Filmstreifen, die physisch existierenden Tonbänder.

Heute drehen wir mit einer DV- oder HD-Kamera, den ReShoot mache ich mit meiner SmartPhone-Cam. Oder mit meiner neuen Projektor-Kamera. Dem Erzähler standen noch nie so viele Werkzeuge zur Verfügung wie in diesen Jahren der akzelerierten Halbwertzeit aller Daten-Träger, allem Procedere der „Beschriftung“. Das ReWrite verändert sich, wenn der Daten-Träger „rewritable“ geworden ist. Das Erzählen verändert sich, wenn die Werkzeuge der Narration immer zur Verfügung stehen – und nicht nur an 20 oder 30 knapp kalkulierten Drehtagen.

Meine Projektor-Kamera passt in die linke Tasche meiner Lederjacke. In der rechten habe ich in meinem Smartphone zwei weitere Immer-Dabei-Kameras. McLuhan war nicht der einzige Prophet mit hoher Treffer-Quote. Alexandre Astruc hat bereits 1948 als Caméra-Stylo vorhergesagt, was heute reale Möglichkeit geworden ist: „Die Kamera als Federhalter.“ Expanded Writing – darunter verstehe ich die transmediale Ausweitung des Schreib-Prozesses, des Erzählens über unterschiedliche, sich ergänzende Plattformen hinweg. Man kann das auch „Transliteracy“ nennen – nach Sue Thomas die Fähigkeit, sich über eine ausgeweitete Palette von Träger-Medien hinweg in Sprache und Schrift auszudrücken, sprechend und schreibend, vom klassischen Buchdruck über das Fernsehen, das Radio und den Film bis hinein in die digitalen sozialen Netzwerke.

Wenn die Maschinen sich verändern, dann verändert sich auch der Mensch. Wenn die Maschinen des Erzählens sich verändern, dann gibt es auch Änderungen an der Schnittstelle Mensch-Maschine. Im Journalismus ist es bereits deutlich sichtbar: Der digitale Zeitungs- und Zeitschriften-Mitarbeiter schreibt nicht mehr nur seinen „Gutenberg-Text“ – er/sie macht Tonaufnahmen, fotografiert und videografiert. Ich sehe in der jetzt tatsächlich sich realisierenden Konvergenz neue Möglichkeiten, neue Chancen des Erzählens. Als dokumentarischer Regie-Autor, als Video-Essayist, als Hybridfilm-Realisator kann ich mit immer kleiner werdenden Erzähl-Maschinen zu Hause am Schreibtisch Sachen machen, für die ich früher ins Kopierwerk gehen musste. Als ich 16 Jahre alt war und angefangen habe zu schreiben – da hatte ich weiter nichts als ein kariertes Heft, ein dünnes Rechenheft und einen Kugelschreiber. Im Hause meiner Eltern hingen keine Gainsboroughs, kein Turner, kein Liebermann. Wir hatten nur den Foto-Kalender des Kohlenhändlers C.C. Hass an der Ecke Friedensallee/Bahrenfelder Kirchenweg.

Ich möchte trotzdem sagen: Im Anfang war das Bild. Wenn ich einen Film schreiben will, dann muss ich Bilder schreiben. Mit dem Fotoapparat. Mit der Videokamera. Mit der Telefonkamera. Ich war 20 Jahre alt, als ich mir in Berlin-Kreuzberg beim Trödler die erste Schreibmaschine kaufen konnte, eine alte Underwood. Ein Jahr später kaufte ich mir die erste Bild-Schreibmaschine, den ersten Image-Writer. Eine Spiegelreflex-Fotokamera aus der DDR, eine EXA 2b. Es folgten: 1967 Anschaffung einer Olympia-Schreibmaschine / 1968 Adler-Tippa Reise-Schreibmaschine / 1970 Quelle Super 8-Kamera / 1971 Pentax-Spiegelreflex-Fotokamera und Nizo-Super 8 / Philips Cassetten-Recorder / 1976 Uher Report Stereo / 1980 Canon A-1 Spiegelreflex-Fotokamera / 1986 Sony Walkman Professional / 1989 erste Brother-Diskettenlaufwerk-Schreibmaschine / Mitte der 90er-Jahre MacLaptop No.1 / 1997 Sony DAT-Walkman / 2003 Canon XM-2miniDVDigitalVideo Kamera / 2004 Nikon D-70-Digital-Spiegelreflex-Fotokamera / H2 HandyCarryCorder / 2007 Telefon-Kamera-Sony-Ericsson / 2010 iPod-Fünfte-Generation mit eingebauter Kamera / 2011 iPhone 4s mit eingebauter HD-Kamera / 2012 Sony HD-Kamera mit eingebautem Projektor. Diesen Text schreibe ich am 27. Dezember 2012 auf meinem dritten iMac.

Der „Piktoriale Autor“ arbeitet sich sein ganzes Schreib-Leben lang an einer Reihe wiederkehrender Bilder ab, die ihn verfolgen/die er verfolgt. Der Stoff schreibt den Kameramann – das ist das obsessive Schreiben, das kein Ende findet. Wenn wir mit der Kamera schreiben, dann müssen wir uns bewegen. Oder wie Godard gesagt hat: „Man muss sich rumtreiben mit der Kamera.“ Wenn wir mit dem Kamerafederhalter schreiben, dann erarbeiten wir uns eine Aufmerksamkeit für die physische Realität, für die Bewegung der Figuren im Raum. Wenn wir uns im Spiegel drehen, können wir in der Geschichte des Selbst-Porträts bis zu Parmigianino zurückgehen, der um 1523/1524 sein Selbstbildnis im Konvexspiegel gemalt hat. Die Geschichte der literarischen Selbst-Beobachtung beginnt mit Montaigne, Erfinder (auch) des essayistischen Schreibens. Er notierte im Jahre 1580: „Ich bin selbst der Gegenstand meines Buchs.“ Gut 300 Jahre später sagt Rainer Maria Rilke über seinen Roman-Helden Malte Laurids Brigge: „Er war mein Ich und war ein anderer.“

Der Essay-Film, an dem ich zur Zeit arbeite – DER SCHATTEN DES KÖRPERS DES KAMERAMANNS – wird ein Film über das Digitale Schreiben und das Elektrische Durch-Streichen. Das Weg-Werfen per Maus-Klick. Das piktoriale Überschreiben und das akustische ReWrite – On, Off und Over. iManus/ Das-Immer-Dabei-Manuskript – Irmgard M. Wirtz beschreibt in einer editorischen Notiz zu MALTE LAURIDS BRIGGE Rilkes inhaltlich am Entwurf, formal am Notizbuch (14,4 x 8,2 cm) sich orientierende Schreibtechnik als „tentativ“. „Je kleiner das Aufzeichnungsmedium ist, desto enger am Körper konnte es mitgeführt werden.“ „Tentative Writing“ heißt: versuchend, versuchsweise, sondierend, vorsichtig, zögernd, als Versuch (Langenscheidts Großwörterbuch). So kann man heute auch drehen. Der Digitale Kamerafederhalter kann genauso eng am Körper mitgeführt werden wie das kleine schwarze Buch des Rainer Maria Rilke. Von Marcel Proust wissen wir, dass er seine Manuskriptseiten und auch die Fahnenabzüge aus der Druckerei noch intensiver überschrieben hat als Rilke: „Die Ereignisse erzählen, heißt die Oper nur über das Libretto vermitteln; schriebe ich jedoch einen Roman, würde ich versuchen, die Musik eines jeden Tages herauszuarbeiten.“

Das klassische Palimpsest war eine Pergament-Handschrift, ein älteres Schriftstück (zumeist aus dem 4.–7. Jahrhundert), von dem der ursprüngliche Text abgeschabt – griech. „palimpsestos/wieder abgeschabt“ – wurde und das danach (meist im 8. und 9. Jahrhundert) neu beschrieben worden ist. Im digitalen Palimpsest kann der Regie-Autor, der Regie-Kameramann heute mit seinem CamWriter abschaben und überschreiben. Der Digitale ReShoot ermöglicht Zweit-Belichtungen, mit deren Hilfe geschnitten werden kann; wir können im ReShoot allem widersprechen, was wir bei der Erstaufnahme als Running Commentary auf das Bild gesprochen haben. 2nd- und 3rd-Generation-ReShoots ermöglichen einen neuen Kubismus in der Bildgestaltung, ermöglichen die neokubistische Tonspur, den Remix am Schreibtisch.

Ich vermute, dass der Digitale Caméra-Stylo neue Filme schreiben wird, dass der Video-Roman den Drehbuchautor, den Regisseur, den Regie-Autor, den Autor-Produzenten in die Lage versetzen wird, „die Musik eines jeden Tages“ als Bild-Ton-Erzählung zu „schreiben“. Ich vermute, dass der Digitale Kamera-Federhalter direktere Filme, Video-Filme mit mehr Dreh-Tagen und längeren Montage-Prozessen hervorbringen wird. Film-Erzählungen mit weniger Personal hinter der Kamera und kürzeren Wartezeiten abseits von Kamera und Mikrofon als im herkömmlichen Produktionsablauf der „taylorisierten“ Dreh-Prozesse. Ich vermute, dass die fortschreitende Mikro-Minituarisierung der Aufnahme-Technik Filme mit niedrigeren Herstellungs-Kosten ermöglichen wird. Video-Filme für neue Vertriebs-Wege. Filme für das Fernsehen und für das WorldWideWeb. Newspaper Movies – die New York Times arbeitet daran, die taz auch. Unter Genre-Bezeichnungen wie „Visual Journalism“ und „Audio Slide Show“. In Babelsberg arbeiten wir ebenfalls daran; sowohl an der HFF als auch im Medieninnovationszentrum (MIZ), unterstützt von der Medienanstalt Berlin-Brandenburg, unter der Überschrift ANIMATED AUDIO ART / VISUELLES HÖRSPIEL / VISUAL RADIO.

Vielleicht werden auch Filme für ein neues Kino entstehen. Filme für ein Kino, von dem wir noch nicht wissen, wie es aussehen wird. Vielleicht wird das Kino von Morgen ein Ort, der sich nicht mehr länger nur auf statische Projektion beschränkt. Sondern zum Lokal einer räumlichen Filmkunst wird, in der sich der Rezipient bewegt, anstatt sie nur zu betrachten. Unter Einbeziehung der aktuellsten Entwicklungen im Filmton/Kinoton (Beispiel: Wellenfeldsynthese) wird ein neues, immersives Erzählen denkbar. Dazu wäre eine Dramaturgie, eine Poetik einhüllender, „non-imperialer“ Erzählweisen zu entwickeln.

One-Liner: We don’t want to be dominated by the picture – we want to be engulfed by the sound.

 

Dieser Artikel wurde erstmalig im Newsletter des Verbandes für Film- und Fernsehdramaturgie (VeDra), Ausgabe 25 veröffentlicht, erschienen zur Berlinale 2013.

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