Hans-Flesch-Gesellschaft

Forum für akustische Kunst

Denken, Hören, Schreiben, Treffen

CfP: “Diskurse des Sonalen”

Die Konferenz zu diesem Thema wird vom 24. bis 26. Juni 2015 in Münster stattfinden. Deadline für die Einreichung eines Abstracts ist der 19. Januar.

Weitere Informationen aus dem Call for Papers:

“„Welche Musik ist denn zu finden, die süßer klingt als eine Rede im rechten Maß und Ton?“ fragt Cicero, wohl wissend, dass der gut ausgebildete Rhetor seine Worte derart kunstvoll zusammenstellen kann, dass das Publikum hinreichend affiziert und begeistert ist. Doch freilich hat die Kunst im Lauf der Zeit dafür gesorgt, dass die Grenzen der Rede ins Poetische und Musikalische weithin ausgedehnt wurden. Und umgekehrt. Potenziert und transformiert wurde beides durch audiomediale Transpositionen, Kompositionen und Ästhetiken.

Für die westliche Kultur der Moderne ist zwar wiederholt die Interdependenz von Musik und Sprache – und Medien – betont worden, doch lange Zeit wurde dies nicht im Hinblick auf den aisthetischen, performativen Charakter von Texten, die kulturelle Wahrnehmung von Klang, die damit einhergehende Praxis der
Kompositbildungen und die audiomedienästhetischen Implikationen hin untersucht. Erst seit kurzem wird „sound as an aesthetic category“ (Brendon La Belle: Background Noise) auch außerhalb musikwissenschaftlicher Forschungen im Gefolge einer musique concrète als fruchtbare Analysedimension entdeckt. Die Definitionen sind hier keineswegs einheitlich. Die interdisziplinäre Tagung folgt jedoch einerseits der Idee, dass Phänomene des Sonischen „zwischen dem Realen des Akustischen und dem Symbolischen des Klangs“ oszillieren, mithin „ein dynamisches, operatives Dazwischen“ bilden (Wolfgang Ernst: Zum Begriff des Sonischen), das mitbedacht werden muss, wenn man von klanglichen (oder gar mit Cicero von ‚süßen klanglichen‘) Praktiken und Produktionen zwischen Text und Ton spricht. Andererseits steht aus kulturhistorischer Perspektive der Vorschlag Pate, neben Oralität und Literalität auch Sonalität als wichtige Beschreibungsebene für Analysen ästhetischer und epistemischer Prozesse und Erfahrungen einzuführen (Annette Wilke/Oliver Moebus: Sound and Communication). An diese begriffliche Neuprägung lehnt sich die Tagung im Titel an.

Sie wurde von Vertretern und Vertreterinnen der Literaturwissenschaft, Linguistik, Musikwissenschaft und Medienwissenschaft konzipiert und zielt auf theoretische, methodologische, systematische, anwendungsbezogene und fächerübergreifende Überlegungen zu dem in den folgenden drei Sektionen
aufgespannten Untersuchungsfeld:
1) Interaktionen zwischen Text und Ton als facettenreiche und verschlungene Wege von der Zeichenfolge zum Klangereignis und zurück
2) Geschichte der ‚Deklamation‘ als ein Lehrstück nicht nur des Sprechens und Singens, sondern auch des Säuselns, Lallens, Grunzens, der musikalischen Kontextualisierung, medialen Praxis usw.
3) Komposite als Kunstformen zwischen Medien, Sinnen und Dispositiven
Sektion ‚Text und Ton‘

Die Sektion verfolgt einen interdisziplinären Zugang zum Verhältnis von Text und Ton – von der Sprache über die Metrik bis zur Musik. Der systemhafte Zusammenhang zwischen Sprache und Klanglichkeit auf der einen Seite
und ihrer künstlerischen Reflexion auf der anderen kann je nach Tradition unterschiedlichen Prinzipien folgen, die sich auch auf die Performanz auswirken:
(a) Die Sprache vererbt wesentliche Merkmale auf Dichtung und Musik, was in einer unmittelbar verständlichen und anwendbaren Dichtungs-, Vertextungs- und Vertonungstradition resultiert. Umgekehrt eröffnen sich durch die Musik Bereiche des sonal Unbestimmten, die nicht in Sprache darstellbar sind und wiederum die Wahrnehmung von Sprache konturieren.
(b) Der Zusammenhang zwischen Sprache, Dichtung und Musik ist nicht unmittelbar gegeben und an Sprachgrenzen wie Hörkonventionen gebunden, mit dem Resultat geringer Umsetzbarkeit der Prinzipien für ungelernte Dichter und Komponisten und ggfs. niedriger Textverständlichkeit.
(c) Die Musik kann bestimmte Vertextungsstrategien fordern, die Metrik bestimmte sprachliche Muster selegieren, die Sprache bestimmte Vertonungsmuster hervorbringen.
(d) Musik und Dichtung können mit Klängen operieren, die zwar ihren Ursprung im Sprachlichen haben, aber nicht primär auf Kommunikation hin angelegt sind bzw. die herkömmlichen Kommunikationsregeln gezielt verletzen.
(e) Das Verhältnis zwischen Musik und Sprache/Dichtung ist auch durch (mediale) Sound-Ästhetiken und Dispositive geprägt.
Mögliche Themen:
- Interaktionen zwischen Sprache, Metrik und Musik (diachron und synchron, Brüche und Kontinuitäten,
Hierarchien und Eingrenzungen im Wechselspiel, Übersetzungsprozesse und psychoakustische Codierungen)
- Vertextungsstrategien: System und Anwendung (z.B. auch: Musik und formelhafte Sprache und überhaupt lexikalische Selektion, Typologie der Anwendungsspektren, Notations- bzw. Transkriptionsformen)
- Ästhetik des Texts oder Ästhetik des Tons – zwei sich ausschließende Maximen? (auch: Einflüsse und Rückflüsse medialer Sound-Ästhetiken/Dispositive)
- Mehrsprachigkeit und ihre Wirkung auf das Zusammenspiel von Text und Ton (auch Einfluss von dialektalen und historischen Sprachstufen)
- polystilistische Musik und ihre Verwendung von Sprache (z. B. Hip Hop als globaler Sound)
- vokale/rhythmische Performanzen zwischen Text und Ton
- diskursgeschichtliche Einblicke in sonale Paradigmen wie Ton, Stimmung, Melodie, Medium in der Produktion von Text

Sektion ‚Deklamation‘
Im deutschsprachigen Raum entsteht etwa ab Ende des 18. Jahrhunderts eine Vielfalt an deklamatorischen, d.h. auf den künstlerisch gestalteten mündlichen Vortrag bezogenen, Texten und Aufführungspraktiken:
Deklamationshandbücher und -anthologien, Essays, Romane und Satiren sowie Autorenlesungen, häusliche Deklamation, Melodramen, öffentliche Deklamationen und Rezitationen; ab etwa Ende des 19. Jahrhunderts
kommen auch Deklamationsaufnahmen hinzu. Die Deklamation ist als Dispositiv zu betrachten, das in der Literatur und Geselligkeitskultur, aber auch in verschiedenen Bereichen öffentlicher Rede, eine wichtige Rolle spielte und das die akustische Geschichte bis ins 21. Jahrhundert prägt (z.B. in Rezitationswettbewerben, Poetry Slams und im Rap).
In dieser Sektion wird versucht, die Deklamation als vokale Theorie und Aufführungspraxis seit der Frühmoderne zu definieren und ihren Stellenwert für die Entwicklung historischer sonaler Literatur- und Erlebnisformen zu
präzisieren. Die Fragestellung hat einen mehrfachen Fokus:
(1) Performance/Performativität: Wie wurde/ist die Deklamation als Aufführungspraxis (actio) konzipiert? Wie wurden/sind die jeweiligen Identitäten der Akteure (DeklamatorInnen und andere Mitwirkende sowie ZuhörerInnen) durch solche Aufführungen konstatiert? Inwiefern können Konzepte der heutigen Theater und Literaturwissenschaft (wie etwa Performativität, Ko-Präsenz, Liveness) uns zu einem besseren Verständnis von historischen Deklamationspraktiken helfen? Oder wie können umgekehrt diese Konzepte
modifiziert, geschärft werden?
(2) (Inter)medialität: Wie ist die Deklamation als mediales Phänomen zu verstehen? Mit welchen theoretischen Mitteln lassen sich die Begegnungen zwischen Musik (Klanglichkeit) und Sprache in der Deklamation am besten beschreiben (Hybrid, Komposite, Paragone)? Wie wird die Deklamation anderen
(auch nicht-akustischen) Medien/Kunstformen gegenüber definiert? Wie verhält sie sich zur Tradition der Oratorienpraxis, die sich im 19. Jahrhundert zu einem Massenphänomen entwickelte? Inwiefern wird die „hegemony of vision“ (David M. Levin) in der westlichen Kultur durch die Deklamation in Frage gestellt?
(3) Verschriftlichung: Wie wird die Deklamation durch Verschriftlichungstechniken anschaulich gemacht? Welches Publikum/welche Leser sollten dadurch erreicht werden? Welche Vorkenntnisse sind notwendig, um solche Schriftsysteme zu verstehen? Ist Deklamation denkbar ohne Verschriftlichung? Wird die These
des ‚Schriftmonopols‘ im 18. Jahrhundert (Friedrich Kittler) durch die Verbreitung von Deklamationspraktiken widerlegt oder vielmehr bestätigt?
(4) Sonale Musterbildung: Wie werden gesellschaftlich-kulturelle Sprech- und Hörmuster durch Deklamationen bzw. deren Akteure und Akteurinnen geprägt? Wie stehen Deklamationsweisen mit sonalen Mustern – geprägt etwa durch mediale Akustiken und Sprechweisen, durch sonic environments etc. – in Wechselwirkung?
Sektion ‚Komposite‘
In denjenigen Künsten, die die Verbindung von Laut und Klang, Sprache und Musik suchen, wird bis in unsere Gegenwart eine Tendenz immer deutlicher sichtbar, diese Elemente nicht nur kreativ und performativ zu konfrontieren, sondern auch herkömmliche, hierarchisierende Gattungstraditionen weiterhin aufrecht zu erhalten. Da die Grenzen zwischen Alltagskultur und Kunstproduktion sowie herkömmliche Deutungshoheiten zwischen einzelnen Künsten im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer stärker in Frage gestellt werden, entstehen nun
Resultate, die mit Termini wie „Gesamtkunstwerk“ oder „Hybrid“ nicht mehr präzise zu beschreiben sind. Die Heterogenität der in Beziehung gesetzten Elemente ließe sich zwar in diverse Ursprungsgenres zurückverfolgen,
ohne dass damit ihr Zusammenwirken aber gänzlich zu erklären wäre. Stattdessen erkennen Künstler aufgrund ihrer eigenen veränderten, gleichrangigen Sozialisation in diversen Kulturbereichen nun Gemeinsamkeiten, die sie als Knotenpunkte kreativ nutzbar machen und von einem Ursprung aus entwickeln können. Eine Analyse dieser neuen ‚sonalen‘ Werk- und Kulturkonzepte steht allerdings noch am Anfang. Mit dem Arbeitsbegriff
‚Komposite‘ könnte es möglich sein, über Fächergrenzen hinaus Phänomene zu beschreiben, die in der populären wie akademischen Rezeption zwar sichtbar, aber noch weithin un(ter)bestimmt sind. Auch historisch besehen, sollen Fragen der Rekonstruktion produktions- und rezeptionsästhetischer Praxen des Sonalen aus einer interdisziplinären Gesamtschau nachgezeichnet werden können.
Mögliche Themen:
- Traditionen, Gattungskonventionen, Gattungsmodulationen, Innovationspostulate und gesellschaftliche Verhandlungen
- Spezifik der Komposite
- Künstler-Kooperationen (innerhalb einer Kunstsparte und kunstübergreifend)
- Performativität der Komposite und deren Aufführungsgeschichte
- Rezeption von Kompositen (etwa auch in Wechselwirkung mit existierenden Hörkulturen)
- (Kunst-)Soziologische und/oder mediale Einflüsse und Bedingungen des Sonalen
- Rückwirkungen sonaler Komposite auf traditionellere Kunstproduktionen
Titelvorschlag, aussagefähiges Abstract und kurze Selbstvorstellung bitte bis 19. Januar an:
Prof. Dr. Britta Herrmann (britta.herrmann@uni-muenster.de)
Dr. Lars Korten (lars.korten@uni-muenster.de)
Für Vortragende können die Reise- und Übernachtungskosten übernommen werden.”

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