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Accoustic Studies Düsseldorf: “Ordnungen (ab)hören”

Der dritte Band der “accoustic studies duesseldorf” sucht für Winter 2017 Beiträge zum Thema “Ordnungen (ab)hören”. Ideen werden bis zum 30. Mai entgegengenommen.

Der gesamte Call for Papers folgt hier:

“Das Thema „Überwachen (und Strafen)“ gehört spätestens seit den Arbeiten von Michel Foucault zu den großen
Diskursfeldern der Kulturphilosophie und -theorie. Folgt man den Theorien Foucaults, so konstituieren sich
Diskurse und gesellschaftliche Formationen mittels Strategien des Ausschlusses und der Sanktionierung. Ein
gewichtiger Teil solcher Strukturierungsprozesse geht dabei von (Macht-)Praktiken des Überwachens aus: Die
Etablierung der modernen Gefängnisse im 18. Jahrhundert sorgte dafür, so Foucault, dass verurteilte Subjekte
überwacht und abweichende Verhaltensweisen durch disziplinierende Maßnahmen in ein normenkonformes
Verhalten überführt werden konnten. Durch diese moderne Machtpraxis habe (stark zusammengefasst) das
Subjekt sich selbst diszipliniert, und zwar indem es sich das Ausmaß der Strafen vor Augen führte, die ihm im Falle
einer Straftat drohten. Zugespitzt formuliert „überwacht“ sich das Subjekt demnach selbst. Die Bestrafung wird so
zu einer komplexen gesellschaftlichen Funktion.
Folgt man Roland Barthes, konstituiert sich das Phänomen der Geräuschwahrnehmung durch zwei parallel
laufende Ebenen. Er unterscheidet das Hören – als physiologisches Phänomen – vom Zuhören, das einen
psychologischen Akt darstelle. Das Zuhören unterteilt er auf dreierlei Art und Weise: Auf einer grundlegenden
Ebene bedeute Zuhören vor allem das Hören auf Indizien, das Horchen auf Gefahr, Beute. Es handelt sich dabei
gewissermaßen um eine mentale Habachtstellung, einen „Alarm“. Dies sei ein grundlegender Typus des Hörens,
der Menschen wie auch Tieren zu eigen sei. Darauf aufbauend existiert eine Weise des Hörens, die Barthes ein
„Entziffern“ nennt. Dabei handelt es sich um ein encodierendes, ein lesendes Hören: Laute bekommen dabei eine
Bedeutung, die im Zusammenhang einen Code ergeben, der entziffert und zum Träger von komplexeren
Informationen werden kann. Als eine dritte Art des Zuhörens, die Barthes als explizit menschlich begreift, grenzt er
ein intersubjektives Hören ab. Er meint damit das Hören als Grundlage menschlicher Kommunikation, das einen
Raum zwischen Sender und Empfänger etabliert. Im Rahmen dessen heißt „‚ich höre zu‘ auch ‚höre mir zu‘‘“.
Menschliches Hören ist nach diesem Modell immer schon mehr als ein bloßes Empfangen von Signalen, es
bedeutet immer auch, dass eine Person hört, die sich in einer gegenseitig konstituierenden Situation mit dem
Gehörten befindet.
Trotz der Tatsache, dass das Hören in Bezug auf seine Erkenntnisfähigkeit lange Zeit unterschätzt und besonders
der visuelle Sinn mit Rationalität und Objektivität in Verbindung gebracht wurde, gibt es eine lange Tradition des
Hörens als Erkenntnispraxis. Dafür können Beispiele sowohl aus der Medizin als auch aus der Naturwissenschaft
genannt werden.
Vom Ab-hören wird in der Regel gesprochen, sobald das Hören apparativen Charakter erhält, wenn also das Hören
als Medium zum Werkzeug einer bestimmten Intention und damit zu einem Erkenntnismedium wird. Dasjenige, das
abgehört wird, existiert dabei immer nur eingebunden in bestimmte Ordnungsdiskurse – sei es der medizinische
Wissensdiskurs, der dem ärztlichen Abhören vorausgeht, die politische Obligation zur Abhörung von
Oppositionellen durch totalitäre Regime oder gar der auf den popkulturellen Paratext rückverweisende Akt des
Abhörens des neuesten Albums durch einen Musikkritiker. Das Abhören ist ein tastendes Hören und zur gleichen
Zeit immer schon eine Ordnungsfigur, die bestimmte Diskurse auf das Abzuhörende anwendet. So werden
Vokabeln von Schülern abgehört, um die Aneignung einer sprachlichen Ordnung zu überprüfen. Doch auch die
Umkehrung ist richtig. Von Vilém Flusser wissen wir, dass das (Musik-)Hören immer auch ein sich anschmiegen an
die zu empfangende Botschaft darstellt. Das konzentrierte Musikhören bedarf, wie das medizinische Abhören,
bestimmter Körpertechniken und der Interaktion mit Medientechnik, die es den Phänomenen erst ermöglicht zu
emergieren. Das Abhören von Oppositionellen bedarf einer Rechtfertigung, einer bestimmten Einbindung in ein
politisches Machtdispositiv und einer damit verbundenen hierarchischen Ordnung, auf die bereits durch das
Abhören verwiesen wird. Damit wird deutlich, dass auch derjenige, der abhört, durch ebendiesen Akt in Bezug auf
eine bestimmte Ordnung diszipliniert und verortet wird. Der Akt des Abhörens bringt die Abhörenden, die Ordnung,
das Gehörte und die Ordnung im Gehörten performativ hervor. Dabei ergeben sich Fragen, die sich auf diese
Wechselwirkungen beziehen. So kann nach den bereits angesprochenen Ordnungsdiskursen gefragt werden, die
das Abhören auf eine bestimmte Art und Weise strukturieren und was sie für das Abgehörte oder die Abgehörten
bedeutet.
Dabei stellen sich Fragen nach dem dispositivischen Charakter der Medialisierung, die mit jedem Abhören
einhergeht. Es ist an dieser Stelle nicht nur die Frage der Medien-„Technik“ (sowohl im wörtlichen als auch im
übertragenen Sinne) zu beachten, sondern auch die Frage der Ordnungsdiskurse, die das Abhören direkt mit
einschließt. So kann beispielsweise nach der spezifischen Epistemologie von Techniken des Abhörens im Kontext
der Medizin gefragt werden und was diese von visuellen oder invasiven Diagnoseverfahren unterscheidet.
Dabei ist es von ausgesprochener Wichtigkeit, dass die Praktiken, die unter dem Begriff des Abhörens
zusammenfallen, trotz der gegenseitigen Hervorbringung von Abhörenden und Abgehörtem immer auch die
Abwesenheit direkter Kommunikation implizieren. Die Oppositionellen dürfen im Idealfall nicht wissen, dass sie
abgehört werden, und der Arzt kann mit dem Patienten nicht sprechen, während er auf Lungengeräusche achtet.
Das Abhören macht ein spezifisches akustisches Ereignis, gleichgültig ob es Sprache oder Geräusch ist, in seiner
Materialität verfügbar, weil es auf der Ebene der Kommunikation unidirektional stattfindet.
Daraus ergeben sich auch Fragen einer Ethik des Abhörens: Darf ein Mensch abgehört werden? Was bedeutet es
beispielsweise, die Stimme, die unmittelbar auf Körperlichkeit verweist, die als Tor, durch das Inneres nach außen
dringt, verstanden wird und gleichzeitig mit Rollen, Images und Handlungsanforderungen auf den Bühnen der
Lebenswirklichkeit verknüpft ist, medientechnisch zu speichern und in anderen Kontexten zu verwenden?
Besonders die Verfügbarkeit des Abgehörten und seiner Realität spielt dabei eine große Rolle, auch im Hinblick auf
die Archivierbarkeit von abgehörtem Material.
Erbeten werden Themenvorschläge, die sich mit dem Begriff Abhören in ordnungskonstituierender Weise
beschäftigen. Gefragt sind Beiträge aus den Bereichen der Medizin, den Naturwissenschaften, der Geschichte
(auch der vorgenannten Fächer) sowie der Kultur- und Medienwissenschaft, die das Abhören als eine Technik und
Geste neuer Ordnungsdiskurse begreifen.
Erbeten werden Themenvorschläge, die sich besonders mit den angesprochenen Fragen nach der Tradition und
Ästhetik des Abhörens in Kontexten wie u.a. Politik, Medizin und Naturwissenschaften, nach der spezifischen
Produktivität des Abhörens im Hinblick auf beispielsweise die Materialität von Körpern und die Disziplinierung
dieser, nach der Diskursmacht abgehörter Versatzstücke im politischen und massenmedialen Kontext, sowie auch
mit Fragen einer Medienethik des Abhörens beschäftigen.
Bitte senden Sie kurzes Abstract bis zum 30. Mai 2017 an dreckmann.kathrin@gmail.com. Bitte senden Sie ein
einzelnes, anonymisiertes pdf-Dokument mit Vortragstitel und Beschreibung und zusätzlich eine Titelseite, die
Name(n), Email(s) und Adresse(n) der/des Vortragenden enthält.”

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